Freitag, 13. November 2015

Ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen ...

Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht einmal etwas falsch macht. Aber nur selten ist jemand bereit, dieses zu bekennen. Die Gewissensprüfung ist aber ein Teil des Lebens eines jeden Christen.  Die tägliche Übung, mit den Augen unseres Gewissens all das zu betrachten, was uns gelungen ist und wo wir versagt haben. Leider wird dieses Thema von vielen Leuten verdrängt. Haben wir nicht alle die Neigung dazu? Nicht selten kommt dies in Äußerungen zum Ausdruck wie: "Ich sündige nicht, daher habe ich auch nichts zu beichten." 

Wenn man aber trainiert hat, auf die leise Stimme des Gewissens zu achten, wird man sensibler für das was man verkehrt gemacht hat. Dann beginnt man darüber nachzudenken, wenn man etwas falsch gemacht hat und es stellt sich auch ein Gefühl der Reue ein. Am gestrigen Abend hatte ich ein solches Erlebnis: 

Wir haben vor unserem Hause einen Geschäfsparkplatz. Abends schaue ich gerne einmal aus dem Fenster, um nachzusehen, ob irgendetwas Auffälliges zu sehen ist. Ich entdeckte einen großen weißen unbekannten Lieferwagen. Zugleich beschlich mich ein Gefühl der Unsicherheit, und ich entschloss mich die Taschenlampe zu greifen, um nachzusehen, was das für ein Fahrzeug war. Gerne schreibe ich mir dann auch das Kennzeichen des Fahrzeuges auf. Man kann ja nie wissen.

Ich leuchtete also mit der Taschenlampe entlang des Fahrzeugs und plötzlich blickte mir das Gesicht eines farbigen Mannes aus dem Fenster entgegen. Ich erschrak mich und sprach ihn an. Er antwortete mir in gebrochenem Deutsch, dass er müde sei und eine lange Fahrt hinter sich hätte. Ich wusste daraufhin nicht, was ich ihm antworten sollte, und fragte ihn in Englisch: "But you won't stay here the night? It's a private place" (Sie werden aber doch nicht die ganze Nacht hier bleiben? Dies ist ein Privatgrundstück!" 

Der Mann kurbelte daraufhin wortlos sein Autofenster hoch und fuhr weiter in die dunkle Nacht davon. Im Haus fiel mir dann der Bibelvers ein: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen. (Mt 25.43). Hätte ich dem Fremden nicht seine Ruhepause auf unserem Parkplatz gönnen müssen? Ist Gastfreundschaft nicht die erste Pflicht eines Christen? Das Gegenteil meines Verhaltens wäre zum Beispiel gewesen, dem müden Fahrer einen Kaffee auszugeben.

Aus Angst vor dem Fremden habe ich den Mann die Gastfreundlichkeit stattdesssen verwehrt. Es gibt halt immer hierfür "gute Gründe". Die vielen Einbrüche, die auch auf dem Lande mittlerweile an der Tagesordnung stehen. Die vielen Kriminellen, die aus dem Ruhrgebiet über unsere nahe Autobahn Richtung Hamburg oder Skandinavien fahren. Vorurteile gegenüber Farbigen und Ausländern. Angst vor Fremden. Nachrichten über Schmuggler in den Nachrichten. Und und und ... In diesem Falle habe ich aber wohl einen müden Krieger vom Hof verjagt.

Das Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis im gelebten christlichen Glauben ist riesig. Jeder Christ muss jeden Tag an sich zu arbeiten, seine Angste, Schwächen und Fehler einzugestehen, und an sich zu arbeiten, um dies möglichst zu verringern. Christliches Leben ist ein ständiger Prozess und endet nie. Kein christliches Leben ist es allerdings, nur Fehler bei anderen zu entdecken und über die eigenen Fehler hinwegzusehen.

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