Montag, 12. Oktober 2015

Katholisch unterwegs im Thüringer Land

Letzte Woche war eine Reisegruppe aus dem Eichsfeld bei uns in Südoldenburg zu Besuch. Wir feierten mit ihnen das Fest der deutschen Einheit und zugleich die 25jährige Freundschaft zweier Dörfer aus beiden Regionen. Sowohl Südoldenburg als auch das Eichsfeld verbindet, dass sie eine Region sind, die ursprünglich durch den katholischen Glauben geprägt wurden und zugleich Enklaven in protestantischem Umfeld waren.

Katholische Pfarrkirche Sankt Bonifaitius Gotha
Vor allem zu Zeiten der Diktatur hielten die Menschen beider Regionen an ihrer Kultur und ihrem Glauben fest. Die Südoldenburger wurden berühmt durch ihren Kreuzkampf gegen die Nazis, die Eichsfelder behielten ihre Lebensweise auch zu DDR-Zeiten bei. Am letzten Wochenende nahm ich an einer Fahrt unserer Chorgemeinschaft Cäcilia Bakum nach Thüringen teil. Am ersten Tag machten wir auch einen Abstecher zu unseren Freunden ins Eichsfeld. Bei beiden Gelegenheiten versicherten wir einander die Verbundenheit aufgrund unser gemeinsam en katholischen Wurzeln. Doch was macht katholische Identität eigentlich aus? Dieses Thema beschäftigte mich an diesem Wochenende.

Inwieweit die Eichsfelder noch am katholischen Glauben festhalten, konnte ich bislang nicht feststellen. In Südoldenburg sind es nur noch wenige, die tatsächlich dem katholischen Glauben treu sind, die Gebote, Traditionen und Gebräuche der katholischen Kirche hoch halten. Dies stellt man schon fest, wenn man einen Blick in die Sonntagshochämter wirft. Die Kirchen sind verdammt leer geworden. Mit dem "katholischem" Südoldenburg verbinden die Menschen heute eine Region, die durch Zusammenhalt zu einem großen Wohlstand gewachsen ist, ein Land, in dem es keine Arbeitslosigkeit gibt. Einige Leute nennen sie verächtlich den Schweinemastgürtel Deutschlands

Auch unsere Chorgemeinschaft versteht sich nicht (mehr) als reiner Kirchenchor sondern als ein Gesangverein, der neben kirchlichen Aufgaben weltliches Liedgut und die gemeinsame Geselligkeit pflegt. Man könnte sich denken, dass eine Fahrt eines katholischen Chores mit einem Reisesegen beginnt, dass vor jedem Essen ein Tischgebet verichtet wird und zumindest sonntags ein gemeinsamer Besuch des Hochamtes auf dem Programm steht. Fehlanzeige, all das stand nicht auf dem Tagesordnung. Stattdessen wurde ein wirklich interessantes Reiseprogramm abgespult. 
Nach der Stippvisite im Eichsfeld fuhren wir zur Wartburg nach Eisenau, wo unter anderem Luther das Neue Testament in die deutsche Sprache übersetzte. Als katholisches Pendant könnte man die heilige Elisabeth von Thüringen ewähnen. deren Ehemann die Burg repräsentabel ausgebaut haben soll. Von der Wartburg aus ging es weiter nach Gotha. Dort übernachteten wir am Wochenende und besichtigten von dort aus die interessante Stadt Gotha, das Schaubauwerk in Friedrichsroda und das Wintersportzentrum Oberhof. 

Am Sonntagvormittag stand vor der Abfahrt noch einmal eine ausgiebige Scghlossbesichtigung auf dem Programm. Da eine katholische Pfarrkirche nicht weit entfernt vom Hotel und dem Schloss lag und dort gleichzeitig eine Messe stattfand, meldete ich mich von der Schlossbesichtigung ab und ging als einziger unseres katholischen Cäcilienchores zur Eucharistiefeier. Es stellte sich für mich als ganz besondreres "katholisches" Erlebnis meiner Reise heraus, einmal in einer "protestantischen Residenzstadt", also der absoluten Diaspora, an einer hl. Messe teilzunehmen. 

Einen guten Kilometer entfernt vom Hotel war die Sankt Bonifatius Pfarrkirche entfernt, ein wunderschönes Kirchenbauwerk im neoromanischen Stil. Dementsprechend schlicht gehalten war die Innenausstattung mit nur einem Ambo, einen Volksaltar und an der Rückwand ein großes Kreuz. In einer kleinen Nische leuchtete das rote ewige Licht und man sah auch den Tabernakel eingefasst. Die Kirche füllte sich mit alten und jungen Leuten. Mich begrüßte ein älterer Herr und fragte, ob ich auch zur Gemeinde gehöre. Ich erklärte ihn, dass ich ein Tourist sei und als Gast in der Pfarrei die Eucharistie mitfeiern wollte.

Ein junger Mann setzte sich neben mir und grüßte ebenso freundlich. Auch auf der anderen Seite setzten sich Leute und schließlich füllte sich die kleine Kirche bis zum letzten Platz. Es waren an der Bank noch Seitenbänke aufgestellt. Auch die wurden besetzt. Es war also gut, dass unser Chor nicht zur Kirche gegangen war, sonst hätten gar nicht alle Platz gehabt. Dass die Kirche so voll war wundete mich doch. Vielleicht lag es daran, dass im Rahmen der Messe auch eine Taufe stattfand, 

Der Pfarrer begrüßte die Eltern und Paten des kleinen Mädchens, welches getauft werden sollte. Die Messe war sehr schön und feierlich. Es sang zur wunderschönen Orgel ein Kantor den Psalmengesang und das Halleluja, die beiden Lesungen wurden vorgetragen. Dazu stand mein Nachbar auf und trat an den Ambo. die Fürbitten las eine Frau mitten aus der Gemeinde vor. Alle Messbesucher feierten und sangen einträchtig mit. 

Sehr schön war auch die Predigt des Pfarrers zu dem Evangelium von dem Mann, der Christus fragt, was er tun muss, um das ewige Leben zu erreichen und traurig wird, als Christus ihn einlädt, seinen ganzen Reichtum aufzugeben und ihm nachzufolgen. Er beleuchtete alles Facetten des Reichtums und der Armut, die beide in guter oder schlechter Weise gelebt werden können. Es war eine Homilie, die sich am Schriftwort ausrichtete und sie uns erschloss. Dies ist heute leider nicht mehr selbstverständlich. Viele Priester predigen ihre eigenen Meinungen bedauerlicher oft ganz losgelöst vom Wort Christi. Manchmal widersprechen diese Predigten sogar der Glaubenslehre und -Tradition. 

Ich hatte das Gefühl, in einer sehr lebendigen Gemeindezu sein. Am Ende der Messe vermeldete derPfarrer, dass am nächsten Sonntag drei Taufen stattfinden würden. Ein wenig beschämte mich es, ausgerechnet hier in der absoluten Diaspora eine Lehrstunde zu erleben. Es zeigte mir, was eigentlich der Kern jeder katholischen Identität ist. Vereint um den Altar im Gebet zu sein und Eucharistie zu feiern. Wo dieser Kern fehlt, bleibt alles nur Fassade, was sich "katholisch" bezeichnet.

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