Sonntag, 25. Oktober 2015

Gräbersegnung: Wie ich am Grab Frieden schließen konnte

Wie ich schon in einem vorherigen Beitrag geschrieben habe, fand in unserer Pfarrei das Gedenken an die Verstorbenen bereits an diesem Wochenende, eine Woche vor Allerheiligen und Allerseelen statt. So wurde dieser Sonntag zu einem Tag des besonderen Gebetes für die verstorbenen Angehörigen und für mich.

Am Morgen wurde das Hochamt zum Gedenken an die Verstorbenen in unserer Pfarrgemeinde gefeiert. Die Messe wird zu diesem Anlass immer von unserer Chorgemeinschaft “Cäcilia” mitgestaltet, in der ich auch Mitglied bin. Bereits eine dreiviertel Stunde treffen wir uns vorher, um uns in der Pfarrkirche einzusingen. Während der Messe wird für die Toten des Jahres besonders gebetet. Die Messe war diesmal auch recht gut besucht, im Vergleich zum “normalen” Sonntag, an dem die Kirche meist nicht einmal mehr zur Hälfte gefüllt wird.

Am Sonntagnachmittag fand gegen 15 Uhr dann die Andacht mit Gräbersegnung statt. Wahre Menschenmassen sind dann auf dem Friedhof, um besonders ihrer verstorbenen Oma, Opa, den Eltern oder auch Kindern zu gedenken. Alle stehen dazu vor ihrer Grabstelle, um zu beten und zu gedenken.Die Würde und Feierlichkeit wurde durch die Orchestermusik unseres Musikvereins unterstrichen. Eine Gräbersegnung ist bei uns ein großartiger gesellschaftlicher Event, ein Ereignis zum Gedächtnis an Menschen, die man kennt und liebt.

Unser Pfarrer konnte auch in diesem Jahr wieder hervorragend erklären, dass ein Friedhof ein heiliger Ort ist. Der Friedhof weist auf die Begrenztheit unseres irdischen Daseins hin und darüber hinaus auf das ewige Leben. Der Priester wies in seiner Predigt auch darauf hin, dass das Wort “Angehörige” ein besonders schöner deutscher Begriff ist. Wir gehören unseren Familienmitgliedern an. Wir bleiben mit ihnen über den Tod hinaus verbunden, denn sie haben uns zu dem gemacht, was wir sind, erklärte er uns.

Oft käme das mit Sätzen “Du hast die gleichen Augen wie deine Tante Frieda” oder “So hat es Mutter auch immer ausgedrückt” zu Tage. Als der Pfarrer dies erwähnte, kamen mir ein wenig die Tränen, denn er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Meine demente Tante freut sich jedes Mal, wenn sie über die Wirbel in meiner Haarfrisur streicht. “Genau wie unser Vater,” erinnert sie sich dann an meinen Opa, der im Jahr meiner Geburt verstarb.

Gerade bei meiner dementen Tante, um die ich mich täglich kümmere, fällt mir auf, wie sehr sie aus ihrer Verbundenheit mit ihren Eltern lebt, sie redet ständig über sie. Auch ich lebe aus einer solchen familiären Bindung heraus, obwohl ich schon sehr lange getrennt von meinen Geschwistern lebe, und meine Eltern schon viele Jahre tot sind. Viele Erinnerungen, die mich traurig machen und auch schöne Erlebnisse sind daran geknüpft. Die Eltern und Geschwistern behält man auch nach dem Tod.

Selbst wenn sie auch zu viel Leid beigetragen haben. Ich habe meine Eltern nicht in bester Erinnerung und in meiner Kindheit sehr darunter gelitten. Seit meiner Wiederbekehrung zum Glauben fahre ich zweimal jährlich zu ihrem Grab, um für sie zu beten. Die ersten Male war dies sehr emotional und viel Wut aber auch Trauer kamen mir am Grab hoch. Aber im Gebet lernt man auch, zu vergeben. Der Friedhofsbesuch wird somit zu einem Werk der Barmherzigkeit, der Vergebung.

Die Heilige Schrift fordert uns auf, unsere Feinde zu lieben, um Söhne des Himmels zu werden. (siehe Matthäus 5. 43ff) Den größten Beweis der Feindesliebe hat Jesus Christus geliefert, der sogar sein Leben für viele hingegeben hat zur Sühne ihrer Sünden. Er betete für die, die ihn kreuzigten, “ Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. “(Lukas 23,34)

Lieben und Vergeben gehören zusammen. Die Vergebung ist notwendig, damit wir lieben können. Wer nicht vergeben kann, ist im Hass gebunden und wird niemals Frieden erreichen. Der jährliche Friedhofsbesuch hat mein Verhältnis zu meinen verstorbenen Eltern verändert. Die Tränen haben sich in einen inneren Frieden verwandelt. Ja, der Besuch am Grab stiftet Frieden.

Auch in diesem Jahr fuhr ich nach einer pompösen feierlichen Gräbersegnung in meinem Dorf zur stillen Anbetung zum Waldfriedhof in die Großstadt Oldenburg, wo meine Eltern und meine Schwester begraben sind. Auf dem Gräberfeld war nicht viel los. Nur ein Paar war gerade intensiv mit der Pflege eines Grabes beschäftigt, wo bei sich das Paar laut unterhielt und auch bei der Arbeit allerhand Lärm veranstaltete. Ich hatte auf der einstündigen Autofahrt bereits den Rosenkranz betrachtet. Für meine Andacht hatte ich mir das alte Laudate und Weihwasser mitgenommen.

Ich betete diesmal bewusst die Gebete aus dem alten Laudate, weil sie auch zu dem Leben und tragischen Sterben meiner Angehörigen einfach besser passen. Hier sind die Begriffe Sünde und Fegefeuer noch nicht gestrichen. Sünde und Leid sind miteinander in Beziehung gebracht. Die Andachten zum Troste der armen Seelen eignen sich einfach ideal für meine Angehörigen, zumal besonders mein Vater mit dem alten Laudate die längste Zeit seines Lebens gebetet hat. Er war Lektor in meiner Oldenburger Heimatpfarrei St. Marien.

Außerdem betete ich die Litanei für die Verstorbenen. Zum Ende segnete ich das Grab mit Weihwasser im stillen Gebet, dass der priesterliche Segen bei der Gräbersegnung in unserem Dorf auch auf unserem elterlichen Grab Frieden stiften möge. Nach noch ein paar weiteren persönlichen Gebeten kehrte ich zufrieden (Auch ein Wort, in dem Frieden enthalten ist!) nach Hause zurück.

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